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Vegan um die Welt

Eine Kolumne von Jane Eberlei

Teil 1: Kalifornien, der vegane Traum

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Nachdem in Deutschland die gesundheitlichen Aspekte der veganen Ernährung und die Grausamkeiten der Tierausbeutung für Veganer weitestgehend bekannt sind, ist es an der Zeit, über den veganen Tellerrand zu blicken. Wie ergeht es Gleichgesinnten in anderen Ländern? Werden auch die für „nervige Spinner“ oder für „fanatisch“ gehalten? Wie leicht oder schwer ist es im Ausland an rein pflanzliches Essen zu kommen und wie verhält es sich in Restaurants?

Zum Auftakt dieser Kolumne möchte ich nicht nur über den Tellerrand, sondern gleich über den „großen Teich“ blicken – nach Kalifornien. Der beliebte Sonnenstaat der USA gilt als besonders umweltbewusst. San Francisco war das Herz der Hippie-Bewegung. Die spirituelle Sinnsuche pulsierte geradezu in der Bay Area und gilt noch heute als Abbild einer ganzen Generation. Das ökologische Bewusstsein haben sich die Nachkommen erhalten und so hat sich eine Art Öko-Kultur entwickelt, die sich weit in den Süden des Staates gezogen hat, bis nach Los Angeles.

Warum sollte es in den USA anders sein als bei uns: Auch dort schreitet der kulinarische Fortschritt in den Städten deutlich schneller voran als auf dem Land. Je größer die Stadt, desto größer das vegetarische und vegane Angebot. Kalifornien steht jedoch insgesamt für einen gesunden Lebensstil. Bei dem stetig guten Wetter sind die Menschen sportlich in der Natur unterwegs. Dafür wollen sie fit und gesund bleiben und sind deshalb für gute Ernährung aufgeschlossen. Auch für ihre vielseitige Landschaft, die durch Berge, Meer,
Wüste, aber auch durch Flüsse und Seen geprägt ist, haben sie ein Bewusstsein. Sie erkennen die Einzigartigkeit der natürlichen Umgebung und wollen sie schützen.

www.wholefoodsmarket.com

Daraus hat sich ein gesunder und nachhaltiger Lebensstil entwickelt, der sich zum Beispiel in dem Erfolg der Supermarktkette Whole Foods äußert. Ein großer Teil der Filialen befindet sich in Kalifornien, wo viele bereit sind, höhere Preise für Bio-Produkte zu bezahlen. Die vorhandene Auswahl an diversen Pflanzenmilch-Varianten, Superfoods, veganen Käsesorten und dergleichen, übertrifft allerdings nicht nur in solchen Bio-Supermärkten die Vorstellungen deutscher Veganer. Mehr noch als die Produktvielfalt beim Einkaufen ist die Tatsache beeindruckend, dass es in Kalifornien wirklich einfach ist, sich rein pflanzlich zu ernähren. Es gibt zahlreiche vegane und vegetarische Restaurants und selbst in den „normalen“, also omnivoren, Lokalen reagieren die Kellner freundlich und kompetent auf Sonderwünsche. Oft sind Gerichte schon als vegan oder glutenfrei gekennzeichnet oder es befindet sich eine stattliche Anzahl dieser „Sondergerichte“ auf der Karte.

Kulinarisch hat insbesondere San Francisco allerhand zu bieten, denn hier leben Menschen verschiedenster Nationalitäten. So verwundert es einen nicht, dass es ein veganesbolivianisches oder auch ein veganes-mexikanisches Restaurant namens Gracias Madre gibt, wobei letztes so erfolgreich ist, dass ein weiteres erst kürzlich in Los Angeles eröffnet wurde. Man lässt sich dort Tacos mit Cashew-Käse und Bio-Tequila Cocktails schmecken. Überall in der Bay Area und in Los Angeles gibt es vegan-freundliche Doughnut-Shops und erst im Mai wurde in der Stadt der Engel das Vegan Beer and Food Festival zelebriert.

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Im Café Gratitude wird man zur Begrüßung beglückwünscht, dass man heute sehr gut essen wird. Das Vorzeigelokal ist 100% vegan wie bio und alles wird frisch zubereitet. Die Zutaten kommen von regionalen Bauern. Wer nun glaubt, dass dort die alten Hippies mit Rasta Zöpfen und Sandalen zu finden sind, irrt. Geschäftsleute, Prominente und Leute aller Altersklassen findet man hier. Dabei ist es noch nicht mal teuer: beispielsweise das Gericht I AM GRATEFUL (zerkleinerter Kohl mit lokalem braunen Reis, schwarzen Bohnen und Tahini-Knoblauch-Sauce) bekommt man bereits für umgerechnet 6,30 Euro. Kein Wunder also, dass die knapp 90 Plätze mittags fast immer belegt sind und schon längst weitere Café Gratitudes eröffnet wurden. Man findet sie direkt in Los Angeles, in Venice, Santa Cruz und in Berkeley. Interessant ist, dass über die Hälfte der Gäste weder Veganer noch Vegetarier ist. Sie wollen einfach gut und bio essen und besuchen das Lokal vielleicht einmal in der Woche. Diese bewusste Entscheidung für Qualität und die Offenheit anderem Essen gegenüber zeichnet die Kalifornier aus und ist durchaus vorbildlich für Deutschland. Auch die Benennung der Dankbarkeit (Gratitude) könnte nicht passender sein, denn diese gerät im Alltag leider allzu sehr in Vergessheit. Ist es nicht auch ein perfekter Start in den Tag, wenn man das Frühstück I AM GREAT bestellt?

In der Studentenstadt Berkeley, nahe San Francisco, fällt einem die kulinarische Auswahl besonders schwer, denn es kommt vor, dass an einer einzigen Straße ganze fünf vegane Restaurants liegen! Wie passt nun diese Öko-Kultur zu Los Angeles, einer riesigen internationalen Stadt mit Hollywood-Stars und der Sehnsucht nach immerwährender oberflächlicher Schönheit? Das Essen ohne Tierprodukte begann ausgerechnet hier schon Ende der sechziger Jahre am Sunset Boulevard in einem Restaurant namens The Source. John Lennon und Marlon Brando gehörten zu den Stammgästen und die Restaurantterrasse wurde kurzzeitig zum Schauplatz des Woody Allen Klassikers Annie Hall.

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In den letzten Jahren schwappte eine weitere vegane Welle über Südkalifornien. Die hochklassigen Restaurants werben bis heute um Veganer und Vegetarier, indem sie sich gegenseitig mit fleischlosen, aber kreativen Gerichten übertreffen. Die rasant ansteigende Nachfrage an pflanzlicher Ernährung hat die kulinarische Landschaft in Los Angeles von der Edelgastronomie bis hin zum einfache Lokal drastisch verändert. Selbst im Four Seasons Hotel in Beverly Hills kann man ganz selbstverständlich ein mehrgängiges veganes Menü genießen.

Vegane Schauspieler wie Ben Stiller, Alicia Silverstone, Tobey Maguire, Russel Brand und Natalie Portman, aber auch Sänger wie Alanis Morissette oder Topmodels à la Eva Padberg haben die vegane Tür geöffnet. Sie stehen in der Öffentlichkeit, achten deshalb vermehrt auf ihr Äußeres sowie ihr Image und ernähren sich u.a. aus diesen Gründen pflanzlich. Die Prominenten essen zu Mittag in veganen Restaurants und besprechen nebenbei ihre Filme. Werden sie dabei gesehen, lockt das weitere Besucher an und so kommt es schließlich zum klassischen Fall von Angebot und Nachfrage.

Die Gründe für die Umstellung sind unterschiedlich, sie liegen in der Gesundheit, Umwelt, der Aversion gegenüber Gewalt an Tieren oder einfach an der Eitelkeit. Mehr und mehr Kalifornier werden vegan oder auch vegetarisch. Mittlerweile ist es tatsächlich so, dass die vegane Ernährung zum Mainstream geworden ist und die Grenzen zu den Omnivoren geöffnet wurden. Das enorme quantitative wie auch qualitative Angebot und die weiterhin steigende Anzahl der „Pflanzenfresser“ im eigenen Bekanntenkreis lockt sie in die veganen Restaurants, wo sie erstmals von der Vielfalt und dem Genuss pflanzlicher Kost überrascht werden. Auch stehen sich hier keine militanten Oppositionen gegenüber, Veganer und Fleischesser sitzen friedlich an einem Tisch. Besser kann man wohl kaum jemanden von veganer Ernährung überzeugen.

Ein weiterer großer Schritt ist die Versorgung der Kinder. Filmproduzent James Cameron ist Direktor der Umweltschule MUSE in Calabas, nahe Los Angeles. Er und seine Frau Suzy Amis leben selbst seit 2012 vegan aus gesundheitlichen, aber vor allem aus ethischen Gründen hinsichtlich der Umweltfolgen der Herstellung von Fleisch- und Molkereiprodukten. Bis zum Herbst 2015 soll die MUSE-School die erste rein pflanzenbasierte Schule der USA werden. Bis dahin gibt es einmal die Woche ein veganes Mittagessen für die Schüler, das teilweise aus dem Schulgarten kommt und von den Schülern selbst angebaut wird. “Wir stellen schrittweise auf pflanzliche Kost um, da wir uns als Umweltschule bezeichnen”, sagte Suzy Amis gegenüber Journalisten. “Wir können nicht behaupten, dass wir uns für den Schutz der Umwelt einsetzen, wenn wir immer noch Tiere essen“. Die schrittweise Umstellung begründet sie damit, dass vor allem für die Eltern der Kinder aufklärende und weiterbildende Programme nötig sein werden.

Es gibt also auch in Kalifornien noch viel zu tun. Alles in allem ist die Veganisierung dort jedoch weiter fortgeschritten als bei uns und das gibt Hoffnung, dass sich auch bei uns bald noch einiges tun wird.

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