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< "Hinter der Jagd stehen Allmachtsfantasien"
29.09.2015
By: Marion Martin /ZEIT ONLINE (www.zeit.de)

Tierversuche abschaffen! Geht das?

Deutschland hat jetzt ein Institut, das Leben rettet. Es soll den Einsatz von Labortieren auf ein Minimum reduzieren. Wird das Ende der Tierquälerei nur hinausgezögert?


Eine Ratte, die in einem russischen Labor für anatomische Pathologie als Versuchstier herhalten musste © Alexander Ryumin/ITAR-TASS/dpa

Millionen Mäuse, Katzen und andere Tiere sterben jährlich in deutschen Laboren. Ist das wirklich nötig? Seit vergangener Woche ist es Aufgabe des Deutschen Zentrums zum Schutz von Versuchstieren (Bf3R), sich dieser Frage zu widmen. Es soll alternative Experimente fördern. Am Freitag wurde es eröffnet, um Tierversuche in Deutschland künftig auf ein Mindestmaß zu reduzieren und, wo nicht verzichtbar, einen bestmöglichen Schutz der Tiere zu gewährleisten. Der Bund hat damit ein klares Zeichen für Veränderung gesetzt – wenn auch nicht als Erster.

Die Initiative hat Vorreiter. Der Toxikologe Marcel Leist ist einer davon. Seit Jahren leitet er den bislang einzigen biowissenschaftlichen Lehrstuhl Deutschlands, der für seine Forschung an Krankheiten und Vergiftungen auf Versuchstiere verzichtet. Um die Funktion von Geweben und die Wirksamkeit von Medikamenten zu testen, arbeiten die Forscher am Doerenkamp-Zbinden-Lehrstuhl der Uni Konstanz mit Zellkulturen. Käfige mit Kaninchen, Vögeln oder Mäusen, die auf die nächste Spritze oder Operation warten – sie gibt es dort nicht.

Bereits in den neunziger Jahren wurden Alternativmethoden entwickelt, für die Pharmaforschung oder, um neue Operationstechniken zu prüfen. In der Folge halbierte sich in Deutschland die Zahl der Tiere, die für die Forschung starben auf etwa zwei Millionen. Seit dem Jahr 2000 aber stieg sie wieder an. Inzwischen sind es laut dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) rund drei Millionen pro Jahr.

"Das liegt an der vermehrten Nutzung transgener Mäuse", erklärt Marcel Leist. Die Tiere sind genetisch verändert, sodass sie Krankheiten entwickeln, gegen die wiederum Arzneien gesucht werden. "Allein das Herstellen dieser Mäuse ist ein Tierversuch", sagt Leist. Das Leid der Nager, Nutztiere, Fische, Hunde, Katzen und auch Affen dient in den Augen vieler – nicht nur der Forscher – einem höheren Zweck: dem Wohl des Menschen.?

Genau dieser Nutzen ist auch unter Wissenschaftlern heftig umstritten: "Selbst Mäuse und Ratten reagieren nur bei 65 Prozent aller Tests gleich auf dieselbe Substanz", sagt der Konstanzer Toxikologe. Was also kann ein Medikamententest an Mäusen über die Wirkung für Menschen aussagen, wenn nicht einmal nah verwandte Nagetiere ähnlich reagieren?

Ein häufig genanntes Beispiel: Contergan. Das Medikament wurde Anfang der fünfziger Jahre Schwangeren gegen Übelkeit und Schlafprobleme empfohlen. Tausende Kinder wurden daraufhin mit Missbildungen geboren. Nach Tierversuchen war der Wirkstoff zuvor als unbedenklich eingestuft worden. Allerdings war er nicht an trächtigen Tieren getestet worden. Spätere Untersuchungen zeigten unterschiedliche Ergebnisse – trächtige Säugetiere gebaren unter Einfluss des Mittels sowohl gesunden als auch kranken Nachwuchs (DiPaolo, 1963). Der Tierversuch versagte hier in Teilen. Dasselbe trifft auf viele Forschungsbereiche bis heute zu.

Zelltests können Tierexperimente unnötig machen

Leist hält deshalb an seinem Vorhaben fest. "Wir arbeiten nach dem Prinzip der drei R – replace, reduce, refine, also ersetzen, verringern, verfeinern", erklärt er. Auf Dauer soll es gar keine Tierversuche mehr geben. "Wo das nicht oder noch nicht möglich ist, suchen wir nach Methoden, die zumindest die Zahl der benötigten Tiere verringern oder ihren Stress reduzieren – allein das verbessert schon die Forschungsergebnisse", sagt Leist. Das Deutsche Zentrum zum Schutz von Versuchstieren trägt dieses Prinzip im Namen: Bf3R – die Drei steht für die Prinzipien. Leist kann sich also auf mehr Kollegen in seinem Forschungsfeld freuen.

Wie die Arbeit dort aussehen kann, hat der Konstanzer mit seinem Team vorgelebt. In den meisten Fällen arbeiten die Wissenschaftler mit menschlichen Zellen. Mögliche Schäden im Mutterleib testen sie unter anderem mithilfe von Stammzellen. "Einen Stoff auf einen Haufen Zellen zu werfen, sagt uns zwar nicht, wie er sich auf den ganzen Körper auswirkt. Aber wenn die Zellen schon daran sterben, passiert das höchstwahrscheinlich auch im Körper", sagt Leist. Der zugehörige Tierversuch hätte sich damit erübrigt.

Die Zellen können aber noch viel mehr, wie die Konstanzer Forschung an der Nervenerkrankung Parkinson zeigt. Leists Mitarbeiter Stefan Schildknecht testet, wie das lange als Insektizid eingesetzte Dieldrin sich auf die Entwicklung von Nervenzellen auswirkt. Statt den auch heute noch in der Umwelt vorhandenen Stoff schwangeren Mäusen zu injizieren, beobachtet er den Effekt auf menschliche Nervenzellen. "Wir wollen wissen, ob das Umweltgift als Auslöser für Parkinson infrage kommt", erklärt Schildknecht. Das Ergebnis: Sind die Zellen komplett ausgebildet, schadet ihnen das Umweltgift nicht. In ihrer Entwicklung dagegen hemmt es die Bildung der Nervenfortsätze, die für die Übermittlung von Informationen nötig sind. Das Umweltgift kann also Langzeitfolgen für das menschliche Gehirn haben.

Auf der Eröffnungsfeier des Bf3R bekam die Arbeitsgruppe für eine weiterführende Methode den Tierschutzforschungspreis 2015. Das BMEL vergibt den mit 15.000 Euro dotierten Preis seit 2001 für Projekte, die alternative Methoden erarbeiten. "In der Toxikologie können wir in Zukunft mit solchen Versuchen 90 Prozent der Tierversuche ersetzen und erhalten ein verlässlicheres Ergebnis", ist Schildknecht überzeugt. Zudem seien die Tests schneller. Häufig sind sie auch einfacher durchzuführen und deutlich günstiger als Versuche an Tieren. Selbst große Pharmaunternehmen suchen deshalb nach tierfreien Testmethoden.

In manchen Bereichen haben sie sich schon durchgesetzt. Um der europäischen Chemikalienverordnung Reach nachzukommen etwa, die Tests an sämtlichen, auch bereits verbreiteten Chemikalien vorschreibt, greifen Forscher immer seltener zum Tier. Im Reagenzglas gezüchtete Haut statt rasierter Meerschweinchen und Rinderaugen aus Schlachthöfen statt blinzelnder Kaninchen sind nur zwei Beispiele für den erfolgreichen Ersatz von Tierversuchen.

19,2 Millionen Euro für tierversuchsfreie Wissenschaft

Bisher waren die Hürden für solche Alternativen hoch. Oft dauert es mehr als zehn Jahre, bis ein Verfahren in Deutschland zugelassen wird, weitere vergehen, bis es international anerkannt ist. Tierschutzvereine und Wissenschaftler beklagen außerdem, dass der Bund kaum Forschungsgelder für alternative Methoden vergibt. "Das Zentrum für den Schutz von Versuchstieren ist ein klares Bekenntnis der Bundesregierung, sich für das Thema einzusetzen", sagt Gilbert Schönfelder, Leiter der Abteilung Experimentelle Toxikologie am Bundesinstitut für Risikobewertung. "Von 2011 bis 2014 hat allein das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) insgesamt 19,2 Millionen Euro in tierversuchsfreie Wissenschaft investiert. Und das BMEL hat 2015 die Förderung von 1,5 Millionen Euro auf drei Millionen verdoppelt, Sondermittel nicht miteingerechnet."

Nicht nur einzelne Forschungsprojekte, auch der wissenschaftliche Nachwuchs wird von dem neu gegründeten Zentrum profitieren. Bisher können Studenten nur in Konstanz sowie in Ansätzen in Hannover und Berlin tierversuchsfreie Methoden erlernen. "Das Thema wird nun populärer, Marcel Leist bekommt Unterstützung", sagt der Toxikologe Schönfelder. Langfristig soll ein umfassender Dialog stattfinden, weltweit und interdisziplinär.

Das deckt sich mit der Arbeit von Marcel Leist: Mit der Johns Hopkins University in Baltimore, USA, organisiert er schon länger Workshops für Tierschützer, Firmenvertreter, Wissenschaftler und für Verantwortliche von Zulassungsverfahren. Gemeinsam sollen Forschungsbereiche definiert werden, in denen Tierversuche unnötig sind und konkrete Ersatzmethoden entwickelt werden – zum Wohl von Tier und Mensch.

In manchen Bereichen ist der Tod von Versuchstieren noch immer unverzichtbar. Aber Alternativen wurden bisher auch nicht stark genug beachtet, unterstützt oder finanziell gefördert. Das soll sich nun ändern.


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